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Filmkritik
Am Anfang von „Nightborn“ ist die Idylle perfekt. Die Kamera schwebt einen Waldweg entlang. Sattes Grün, zarte Geigen. In leichter Zeitlupe und froher Erwartung steuern die Norwegerin Saga (Seidi Haarla) und ihr britischer Ehemann Jon (Rupert Grint) ihr neues Zuhause tief im Wald an. Das von Sagas Großmutter geerbte Haus ist reichlich marode, halb zugewuchert, mit rostigem Schrott im Garten und einem kleinen Baum, der durch den morschen Holzboden im Innern wächst. Aber das stört Saga und Jon alles nicht. Die Verliebten tanzen und planen gleich drei Kinder zur Vervollständigung ihres Glücks.
Zu heil, um so zu bleiben
Die heile Welt ist eindeutig zu heil, um so zu bleiben. Handfest wird der Abgrund, als das Paar die ersten Schritte in den Wald unternimmt. Wie in einem dunklen Märchen wirkt der auf unheilvolle Weise lebendig. Ein Ast sieht aus wie eine Hand, ein Baum scheint ein Gesicht zu haben. Die finstere Soundkulisse tut das Übrige. Saga fühlt sich hier heimisch, Jon eher nicht. „Der Wald holt sich, was ihm gehört,“ heißt ein Sprichwort, das Saga ihrem Mann erzählt; es klingt wie eine Drohung.
Vom Sex im Wald folgt ein harter Schnitt in den Kreißsaal. Der Nachwuchs platzt förmlich aus Saga heraus, Jon spritzt Blut ins Gesicht. Kurz darauf ist klar: Mit dem Baby stimmt etwas nicht. Es kreischt fortwährend und lautstark, geradezu animalisch, es ist stark behaart und mag keine Milch, dafür aber Blut und rohes Fleisch.
Eine düstere Parabel über Mutterschaft
Nordeuropäischen Filmen haftet ein Ruf besonderer Kompromisslosigkeit an. Mit explizitem Körperhorror ist auch „Nightborn“ dazu geeignet, diesen Leumund zu festigen. Die finnische Regisseurin Hanna Bergholm, die 2022 mit dem Horrordrama „Hatching“ debütierte, kommt in ihrem zweiten Film umstandslos auf den Punkt. Nach wenigen Minuten ist das Baby in der Welt und verbreitet Ungemach. Bergholm visiert eine düstere Parabel über Mutterschaft an, ganz in der Tradition von „Rosemaries Baby“ und neueren Varianten wie „Der Babadook“, die inzwischen ein eigenes Horror-Subgenre bilden. In einer Zeit, in der weit offener über postnatale Depressionen oder beim Stillen wund gebissene Brustwarzen gesprochen wird, verwundert das nicht. „Nightborn“ garniert die Gemengelage mit Legenden über Trolle, die das titelgebende Kind recht diffus als übersinnliches Wesen erscheinen lassen.
Ein Clou ist, dass die Zuschauer das Baby selbst erst am Ende in voller Pracht sehen. Zuvor zeigt Bergholm nur Teile wie das Rückenhaar oder verbirgt den robust heranwachsenden Körper im Schatten. Stattdessen geht es um die Reaktionen auf die Kuriosität. Saga und Jon geben lange vor, glücklich zu sein, obwohl die Irritation offenbar ist. Der verständnisvolle Jon will den Frieden wahren und liest auch dann noch ganz gediegen ein Buch neben dem Kamin, als alles längst im Argen liegt. Auch die Verwandtschaft wiegelt lange ab; nur die Kinder tun ihre Meinung zur „Hässlichkeit“ des Säuglings, der zu alledem noch eine altbackene Haube trägt, ganz offen kund.
Nicht vollständig von dieser Welt
Auch wenn der mit Rupert Grint passend besetzte Jon natürlich ebenso von der Misere betroffen ist, liegt Bergholms besonderes Augenmerk auf der von Seidi Haarla verkörperten Mutter. Saga ahnt früh, dass ihr Baby zumindest nicht vollständig von dieser Welt ist und zu einer lebensbedrohlichen Gefahr heranreifen kann. Ab einem gewissen Punkt nennt sie das Kind nur noch „Es“, fühlt sich zunehmend bedroht und verliert immer mehr den Verstand.
Implizit steht die Frage im Raum, ob das Kind das Problem ist oder eher die mütterliche Bindung zu selbigem. „Nur du machst dein Familienleben unerträglich“, wirft Sagas Schwester ihr vor. Auch die Beziehung zu ihrer eigenen Mutter ist angeknackst. Hinzu kommen körperliche Veränderungen und die Sorge um den Arbeitsplatz. „Deine Vertretung ist gut“, meinen Sagas Arbeitskolleginnen. Neu oder fordernd ist an diesem psychologischen Einheitsbrei aber nichts.
Grusel im Tageslicht
So bliebe noch die Genrekomponente, um „Nightborn“ eine eigene Note zu verleihen. Interessant ist die fast ausschließliche Verlegung des Grusels ins Tageslicht. Doch darüber hinaus bietet der Genrekern letztlich nur eine Anhäufung bekannter Motive. Wenn der Satansbraten seiner Oma einen großen Ohrring herausreißt, ist das vielleicht einen Lacher wert. Manchmal zündet derlei schwarze Situationskomik; öfter bleibt aber unklar, ob Bergholm doch eher unfreiwillig komisch inszeniert.
Auch sonst bleibt der Film formal halbgar. Am generisch dröhnenden Score hat man sich bald sattgehört. Auch das ständige Babygeschrei zerrt auf Dauer, auch wenn der Einsatz beabsichtigt ist, zu arg am Nervenkostüm. Die Schockmomente rekapitulieren einschlägige Klassiker der 1980er-Jahre. Die Äste aus „Tanz der Teufel“ sind wieder da, das Baby attackiert wie „Chucky - Die Mörderpuppe“, als Nachschlag gibt es eine Prise Kannibalismus. Dass das Kind teils per Animatronik zum Leben erweckt wird, ist immerhin charmant, sieht aber befremdlich aus. So ist das Ergebnis höchstens auf banale Weise unterhaltend.

