Bad Apples










- Veröffentlichung10.09.2026
- RegieJonatan Etzler
- ProduktionVereinigtes Königreich (2026)
- OriginalspracheEnglisch
- Cast
- IMDb Rating7.2/10 (277) Stimmen
Vorstellungen
Filmkritik
Miss Spencer (Saoirse Ronan) soll die erste sein, die auf den Gipsarm von Pauline (Nia Brown) schreibt. Vielleicht könne sie einen Genesungswunsch formulieren, schlägt die Schülerin vor. Doch die Lehrerin hinterlässt nur ihren Vornamen: „Maria“, in Großbuchstaben. Keine wärmenden Worte, nur der Name als Unterschrift. Und als Geständnis.
Denn Maria ist alles andere als unschuldig an den Unfall der Schülerin. Pauline selbst hat den Schock über ihren Sturz und den gebrochenen Arm scheinbar schon wieder vergessen. Maria aber ist er noch anzusehen, obschon er andere Gründe hat, als die Schüler:innen und Kolleg:innen in „Bad Apples“ vermuten. Für die Lehrerin ist der eigentliche Täter ein Schüler namens Danny (Eddie Waller). Der ist heute aber nicht in der Schule.
Plötzlich läuft alles wie am Schnürchen
Ohne ihn ist es geradezu ruhig. Kein Terror im Klassenraum, kein ohrenbetäubender Lärm durch einen ständig gegen die Wand geschlagenen Turnbeutel, und eben auch niemand, der Schüler:innen von der Treppe stößt. Dass Maria in ihrer heillosen Überforderung Pauline auf Danny angesetzt hat, findet in den Gesprächen an diesem Tag keine Erwähnung. Dass Danny abwesend ist, weil Maria ihn im Keller ihres Wohnhauses eingesperrt hat, schon gar nicht.
Stattdessen läuft plötzlich alles wie am Schnürchen. Der Unterricht, der zufälligerweise unter der Aufsicht der Schulbehörde steht, wird von den Schüler:innen auf den richtigen Weg gebracht, da Maria sichtbar neben sich steht. Am Ende der Stunde ist sogar noch Zeit für das kitschige Schullied, das die Klasse mit Begeisterung singt. Die Behörde, das Kollegium und die Elternschaft sind begeistert.
Zurück bleiben allein der schwierige Schüler und sein alleinerziehender Vater Josh (Robert Emms), der durchaus nicht dem ihm angedichteten Klischee des asozialen, missbräuchlichen, alkoholisierten Taugenichts entspricht, sondern schlicht überfordert ist von seinem neurodivergenten Sohn und den Anforderungen seines Kurierjobs. Maria weiß das alles. Und doch tritt sie dem Vater erst entgegen, als dieser in Kurieruniform vor ihrer Haustür steht, um ein Paket abzugeben. Ein Brustgeschirr, das sie bestellt hat, um es Danny anzulegen. Der im Keller gefangene Junge wird angeleint, bekommt für die Notdurft einen Eimer und zur Beschäftigung eine Spielekonsole, und, wenn Maria von der Schule heimkommt, sogar etwas Privatunterricht. Am wichtigsten aber ist die Tatsache, dass er angekettet und weggesperrt ist.
Das System ist auf Seiten der Lehrerin
Die Entführung und Geiselnahme des Jungen ist nicht die eigentliche Pointe des Films von Jonatan Etzler, sondern die bitterböse Sozialdynamik dahinter: Das System ist auf Marias Seite. Niemand verdächtigt die gutbürgerliche Lehrkraft im rostfarbenen Cardigan. Vielmehr gerät Dannys Vater ins Visier der Ermittlungen. Selbst dort, wo Maria die Antworten auf die Fragen der Polizei nur stotternd und unzusammenhängend herausbringt, gibt es kein skeptisches Zögern, sondern nur den Versuch, ihr unter die Arme zu greifen. Sie wolle sicher nett sein und den Vater des Jungen schützen, heißt es, aber vielleicht solle sie lieber ehrlich sein und sein verdächtiges Verhalten ausführlicher beschreiben.
Danny und sein Vater sind die Sündenböcke, die die Gesellschaft für ihr Wohl braucht. Die dazugehörigen religiösen Subtexte stellt der Film ostentativ im immer wieder gezeigten Vorgarten aus. Äpfel schimmern dort wie Plastik am Zweig, und unterm Baum fläzen sich weiß schimmernde Lämmer im Sonnenschein. Als Versuchsaufbau funktioniert „Bad Apples“ ähnlich wie die berühmte Kurzgeschichte „The Ones Who Walk Away From Omelas“ von Ursula K. Le Guin. Die Utopie der Gemeinde von Omela ist auf die Folter und das Leid eines einzigen eingesperrten Kindes gebaut. Dass die Romanvorlage zu „Bad Apples“ von Rasmus Andersson und auch das Drehbuch von Jess O’Kane die Geschichte in eine Bildungseinrichtung verlagern, ist so ironisch wie folgerichtig. Die allem zugrunde liegende Frage bleibt die gleiche: Wie viel Leid, Grausamkeit und Sadismus ist man bereit, für eine funktionierende oder sogar glückliche Gesellschaft hinzunehmen?
Raum für kleine, böse Sticheleien
Anders als bei Le Guin weitet der Film die moralisch-philosophischen Fragen nicht aus, sondern hält die Geschichte eindeutig genug, um Raum zu lassen für kleine, böse, humorvolle Sticheleien. Zwischen Kollegium und Elternschaft gibt es keine Idee eines Widerstands, keine moralische Ambiguität beim Versuch, dem System den Rücken zu kehren. „Bad Apples“ ist in diesem Sinne ein statischer Film, ein Gedankenexperiment, das den moralisch sicheren Grund nie verlässt, es nie wagt, die vermeintliche Utopie auszukleiden oder allzu ernsthaft als solche zu verkaufen. Ihre Befürworter werden schnell als vulgäre Elternschaft und als die karrieregeile Schulleitung kenntlich gemacht, und auch der Umstand, dass die Kinder ohne den Systemsprenger in ihrer Mitte aufblühen, wird allzu schnell immer wieder in die naheliegendsten satirischen Bahnen geleitet.
Der Fingerzeig auf die Leistungsgesellschaft ist unübersehbar, wenn große Tafeln das überragende Abschneiden des Jahrgangs bei den Landesvergleichstests anpreisen. „Bad Apples“ kehrt sehr schnell zur „Leiche“ im Keller zurück, um der vermeintlichen Utopie den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Das ist gemein und komisch, aber ohne seine schwarzen Schafe besitzt die Geschichte nicht viel Drive.

