Kalter Hund









- Veröffentlichung17.09.2026
- RegiePauline Roenneberg
- ProduktionDeutschland (2026)
- GretaAudiodeskription
- OriginalspracheDeutsch
Cast
Vorstellungen
Filmkritik
Chabrol meets Haneke in der bayerischen Provinz. Kaum ändert sich durch den Tod des Patriarchen einer grotesk dysfunktionalen Familie die Grundtemperatur, gerät die eisern aufrechterhaltene bürgerliche Fassade aus dem Gleichgewicht. Mittendrin versucht Corinna Harfouch als äußerlich selbstdisziplinierte, innerlich aber panisch überreagierende Witwe an der Feier zum 100. Geburtstag des wohlhabenden Gatten festzuhalten, obwohl der im Schlafzimmer bereits violett anläuft, nachdem er mit einer Überdosis Barbiturate Selbstmord begangen hat. Als dann der Bürgermeister vor der Tür steht, um dem großzügigen Spender zu gratulieren, führt für Marianne kein Weg mehr zurück. Erst werden die angereisten Kinder und Enkelkinder über Hermanns vermeintliches Dauerschläfchen getäuscht, dann auch die Gäste und die Lokalpresse.
Bis die Blaskapelle anrückt
Aber nicht jeder nimmt in „Kalter Hund“ die nervösen Ausreden der ein deftiges Mittagsmahl servierenden Hausdame hin. Mariannes Tochter Valerie (Victoria Mayer), die mit einer psychosomatischen Diagnose und chronischer Leidensmiene gelähmt im Rollstuhl sitzt, schickt ihre bald 18-jährige Tochter Fanny (Lea Drinda) ins erste Stockwerk der düsteren Villa. Die entdeckt gemeinsam mit dem vietnamesischen Hausmädchen Joy (Mai Duong Kieu) die Leiche. Beide werden von Valerie zunächst unterwiesen, die makabre Komödie fortzusetzen, bis eine Blaskapelle anrückt und Hermann, statt aufrecht zu sitzen, auf dem Balkon verräterisch nach vorne kippt.
Ab dann lüftet sich allmählich der Schleier aus Lügen, Schweigen und Geheimnissen, angetrieben von der esoterisch erleuchteten und stets überlegen lächelnden Stieftochter Karoline (Karoline Eichhorn). Die kapert erst das Schlafzimmer des Vaters, um mit buddhistischen Ritualen seine Seele zu retten, und nötigt die zerstrittene Sippe anschließend zu einer von einem übereifrigen Heilpraktiker durchgeführten Familienaufstellung. Es ist ein Genuss, Karoline Eichhorn beim Gefecht mit all den Exzentrizitäten ihrer tief verletzten Figur zuzuschauen.
Home-Videos enthüllen Grausamkeiten
Was folgt, ist ein Fest der seit Jahrzehnten schwelenden familiären Konflikte und Abhängigkeiten. Von denen gibt es reichlich, wie auch die vielen verwackelten Home-Videos beweisen, in denen sich die rivalisierenden Kinder und die gegeneinander stichelnden Eltern-Tyrannen schon vor Jahrzehnten mit Grausamkeiten überhäuften. Der einst ins Internat abgeschobene Filius Kasimir (Thomas Mraz), der das Familienstiftungsgeld an der Börse verspielt hat, sucht am Rande des Nervenzusammenbruchs nach dem verschwundenen Testament. Er klärt seine Nichte Fanny, die von ihrer Mutter emotional manipuliert und zur Pflegerin degradiert wird, über den Unfalltod ihres Bruders auf. Plötzlich tauchen auch Fotoalben auf, in denen die Angehörigen mit der NS-Vergangenheit des Großvaters konfrontiert werden, der nach bisheriger Familienmythologie als Widerstandskämpfer galt. In dem mitleidsvoll-unschuldigen Gesicht von Lea Drinda sieht man dann alle Gewissheiten schwinden und hört in ihrem Schluchzen die Desillusionierung anklopfen.
In all diesem Durcheinander versuchen die Bestatter, ihre Arbeit mit Würde zu Ende zu bringen. Ein junger Helfer, der die Defizite der Familie durchschaut, scheint sich dabei mit der vaterlos aufgewachsenen Fanny anzufreunden, bis er enttäuscht realisiert, dass sie Halbgeschwister sind und deshalb keine Liebesbeziehung beginnen können.
Regisseurin Pauline Roenneberg, die an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film Dokumentarfilmregie studiert hat, beweist in ihrem bis auf wenige Längen überaus gelungenen Filmdebüt bemerkenswerte Qualitäten bei Schauspielführung und improvisierten Dialogen. Selbst der schwarze Humor, der im deutschen Kino oft ins Slapstickhafte überzogen wird, ist in dem von Roenneberg und Britta Schwem verfassten Drehbuch perfekt zwischen absurd, entlarvend und bissig ausbalanciert und reibt sich gewinnbringend mit den klassischen Zutaten einer Tragödie über statusbewusste Menschen, die sich unfair behandelt fühlen und ihre Verletzungen über Generationen hinweg an andere weitergeben.
Ein ins Gegenteil verkehrtes Geburtstagsfest
Die Enthüllung aller Wahrheiten geht bei dem in sein Gegenteil verkehrten Geburtstagsfest dank des fulminanten Ensembles wie ein Uhrwerk vonstatten, kritisch beobachtet von Joy, die sprachlich und psychologisch mehr versteht, als sie aus Selbstschutz zu zeigen bereit ist. Ein mutiges Familiendrama aus einem Guss, in dem nur wenigen eine Befreiung aus dem unerbittlichen Gang der Dinge vergönnt ist.

