Vorstellungen
Filmkritik
Dieser Film ist der einfache und kommentarlose Bericht dessen, was einem dreizehnjährigen Kind widerfuhr, das nach ein bißchen menschlicher Wärme und Freundschaft verlangt und bei seinen Eltern und Erziehern nur Gleichgültigkeit oder Unverständnis fand. Er ist keine Anklage- und keine Verteidigungsrede, er legt Zeugnis ab. Er will denen, die ihn sehen und annehmen, ein unruhiges Gewissen bereiten und ihnen die Pflicht auferlegen, zu prüfen, ob sie sich ihrer Verantwortung für die Jugend bewußt sind. Scheinbar - und erst recht im Vergleich mit den Taten, die in den "normalen", handlungsbetonteren Filmen über die Jugendkriminalität den Weg ins Erziehungsheim markieren - sind die Missetaten Antoines nicht von so großem Gewicht. Eine ungerecht verhängte Strafe, kindliche Unbedachtsamkeiten, ein paar geschwänzte Schultage aus Furcht vor dem Lehrer, eine Lüge, die bald aufgedeckt wird, nehmen ihm den Mut, nach Hause zurückzukehren. Acht Tage lebt er frei und ungebunden bei einem Freund, mit dem er ans Meer möchte. Dann, da den beiden das Geld für die Reise fehlt, stiehlt Antoine eine Schreibmaschine. Als er sie zurücktragen will, überrascht man ihn. Er muß neben Dirnen und Kriminellen eine Nacht im Polizeirevier zubringen und wird ins Beobachtungsheim des Jugendgerichts eingeliefert. Inzwischen hat er erfahren, daß sein Vater sein Stiefvater ist und seine Mutter ihn - vor ihrer Heirat - nur widerwillig zur Welt gebracht hatte. - Das wird völlig unsentimental ebenso logisch wie sensationslos vorgetragen. Die Charaktere sind glaubhaft. Der Stiefvater ist kein schlechter Mensch, nur etwas feige und beschränkt. Die Mutter, die ihren Mann betrügt, ist lieblos, aber nicht eigentlich bösartig. Der Lehrer handelt wenig verständig, ist indes nicht ohne Herz. Und das Kind rebelliert nicht, es wird einfach vom Ablauf der Geschehnisse zermalmt. Dabei nimmt der Film, obwohl sein Bericht bitter bleibt, keine pessimistische Position ein. Während Antoine aus dem Erziehungsheim ausbricht und den Strand des freien Meeres erreicht, gibt man uns zu verstehen, daß schon eine Kleinigkeit an Liebe genügen wurde, um dieses vereinsamte Kind kehrtmachen und neuen Lebensmut fassen zu sehen. Diese Kleinigkeit fordert Antoine von den Kinobesuchern, denen er im letzten Bild des Films, in einer eindringlich erstarrenden Nahaufnahme, stumm sein Gesicht zukehrt. - Die internationale Kritik stimmt darin überein, daß der Film ungewöhnliche Qualitäten der Regie (Beispiel: das Verhör des Kindes durch eine unsichtbar bleibende Jugendpsychologie), des Dialogs, der Darstellung (keine Stars!) und der Bildgestaltung (zumal in den Pariser Straßenszenen) aufweist. Für den Kameramann Decae "ist die Leinwand ein dem Leben geöffnetes Fenster", sagte ein französischer Autor. Ungewöhnlich ist auch die Vorgeschichte des Films, die Art seiner Finanzierung und seine Auszeichnung in Cannes (vgl. (fd 22)/1959). Truffaut, der damals 27iährige Regisseur, hat sich in ihm zweifellos seiner eigenen Kindheit erinnert, die er teilweise in Erziehungsheimen verbringen mußte, und er hat sich nicht ohne Härte, aber mit Aufrichtigkeit und einem bemerkenswerten Takt ausgedruckt. Man muß angesichts der autobiographischen Grundlage der Handlung annehmen, daß selbst gewisse Eigentümlichkeiten, die hierzulande vielleicht befremdlich wirken, einer Realität französischer Schul- und Strafvollzugsverhältnisse entsprechen. Wir empfehlen den in Cannes 1959 auch mit einem OCIC-Preis belobigten Film den aufgeschlossenen Kinobesuchern ab 18.











