Vorstellungen
Filmkritik
Das adoleszente Internet rauscht in einer Montage-Sequenz durch den Vorspann: das Windows-XP-Zeitalter, MSN-Messenger, die frühen Tage von YouTube, Online-Gaming. Dann: Chatroulette mit kleinen harmlosen Pranks, das Darknet mit Kryptowährung und Drogenhandel.
Es ist die Welt, in der der „Losers Club“ aufgewachsen ist. Die Gruppe trifft sich in Videochats, Open-World-Survival-Spielen, ärgert professionelle Online-Betrüger in elaborierten Hacks und tauscht sich manchmal dazwischen über das Leben aus. Ein Leben, das im Film „LifeHack“ von Ronan Corrigan selten nicht vor dem Rechner stattfindet, weil es außerhalb der Digitalsphäre wenig für die vier gibt: Der Vater von Kyle (Georgie Farmer) arbeitet in Dubai, schreibt zum Geburtstag eine Nachricht, will aber eigentlich nichts von seiner Familie wissen. Alex (Yasmin Finney) klaut regelmäßig die Tabletten ihrer Mutter, um ihr die naheliegendste Suizidmöglichkeit zu nehmen. Die Eltern von Petey (James Scholz) und Sid (Roman Hayeck-Green) existieren nur in Form ihrer Ansprüche an deren Karriere. Vier bittere Jugendschicksale und vier junge Menschen, die ihr Refugium online gefunden haben. Kyle, Alex, Petey und Sid stehen als Avatare oder im Videochat nebeneinander, tauschen intimere Details oft nur im Chat aus und lassen viele der Gedanken unausgesprochen, die dort sichtbar werden, wo sie jemand in die Maske der Suchmaschine tippt.
Das Schicksal der Welt hängt an Ladebalken
Die digitalen Oberflächen sind das ästhetische Gerüst des Desktop-Films. Das Genre hat die erstaunliche Möglichkeit, die banalsten, alltäglichsten Icons und generischsten Designs zu Schlüsselbildern des Kinos zu machen. Das Schicksal der Welt hängt an Ladebalken, Bildschirmschoner bringen den alles erschütternden Schrecken in die Welt und das im Alltag achtlos angeklickte Anruf-Symbol taugt wahlweise als letzter Hilferuf, finale Drohung oder potenzielle Rettung in letzter Sekunde. Die dazugehörigen Menschen zeigt oft die Webcam. Allein oder in Chatroom-Fenstern zusammengedrängt, starren sie auf die Informationsflut, die wahlweise zum Horrorfilm, Liebesdrama oder Thriller umcodiert wird. „LifeHack“ ist Letzteres.
Aus den kleinen Hacking-Spielereien wird bald der große Coup. Kyle hat schon seit längerer Zeit den Milliardär Don Heard (Charlie Creed-Miles) im Visier, ein Tech-Großmaul, das gerne mit dem eigenen Reichtum prahlt und ihn entsprechend öffentlich ausstellt. Interessant für Kyle und seine Freund:innen ist der moderne Oligarch, weil er sein Vermögen recht achtlos auf diverse Krypto-Wallets verteilt, die sich, mit der nötigen Kenntnis, besser hacken lassen als etwa ein Bankkonto. Also machen sich die vier an die Arbeit. Open-Source-Quellen werden angezapft, Zeitungsartikel und Social-Media-Accounts durchforstet, die Arbeitswege und Gewohnheiten des Milliardärs recherchiert, Schwachstellen im Büro ausgeforscht. Das Bild hängt sich an den Mausanzeiger, der neue Details ins Bild angelt und die neuen Informationen jongliert. Im Bild rauschen sie durch, werden mit Schnitten und Zooms zurechtgestutzt, mit Musik unterfüttert und mit den dazugehörigen Reaktionen in den Webcams eingeordnet.
Das Schema des digitalen Rauschs funktioniert auch dort, wo „LifeHack“ unaufhörlich Meme- und Netzkultur auf die Leinwand wirft und in kurzweiligen Spielereien von TikTok zu Omegle oder von Kitboga zu Joe Rogan springt.
Niemand ist hier Weltenrüttler
Von der Apathie der jüngsten Digitalgeneration kommt der Film dabei weder los, noch weiß er ihn wirklich ästhetisch festzunageln. Niemand ist hier Weltenrüttler, zugleich kehrt sich niemand von der Welt ab. Einem Milliardär sein Krypto-Vermögen zu stehlen, ist keine Rebellion gegen die Silicon-Valley-Oligarchen, es ist der halbherzige Versuch, in ihre Liga aufzusteigen. Während der Planung des Hacks huschen Mark Zuckerberg, Sean Parker und Steve Huffman als Vorbilder über Kyles Bildschirm. Mit der Beute werden allerlei Nerd-Spielzeuge gekauft, Privatjets gemietet und die Welt bereist. Mehr als ein vager Fingerzeig Richtung des unerfüllten Post-Teenager-Daseins kommt aber nicht dabei rum.
„LifeHack“ tut sich schwer damit, die Energie seines Online-Heists mit dem Offline-Drama zu füttern. Der jugendliche Überkonsum ist ein zweckmäßiger Füller für die immer wieder angedeuteten Lebenslücken und verlängert zugleich den Bilderrausch, der den Film am Leben hält. Doch die Dichte, mit der Webcambilder, Interfaces und andere Programmoberflächen gestaffelt werden, lässt zu wenig Platz für das Leben dazwischen. Wo es sich doch einmal dazwischendrängt, ist „LifeHack“ effektiv genug: Wenn der Cursor einmal nicht durch das Bild hastet, sondern verharrt, mit unendlicher Geduld blinkt und darauf wartet, dass Kyle ins Chatfenster tippt, was er Alex eigentlich sagen will, ist viel von dem spürbar, was Ronan Corrigans Film auch sein möchte. Einmal kurz ist das zu sehen, was Kyle eigentlich sagen will. Im letzten Moment löscht er den Satz und schickt stattdessen ein Emoji.




