Vorstellungen
Filmkritik
Ein Toast auf das alte Leben! Lucky (Anya Taylor-Joy) und Cary (Drew Starkey) haben das große Los gezogen. Oder besser: gestohlen. Zehn Million Dollar hat das Paar erbeutet, nicht von irgendwem, sondern vom Ölmagnaten Wayne Whittaker (William Fichtner), der das Geld über Carys Mutter, die Gangstermatriarchin Priscilla (Annette Bening) waschen wollte. Auch Luckys Vater, der Trickbetrüger John (Timothy Olyphant), ist in die Sache verstrickt. Beiden Familien und dem Geld auf den Fersen ist FBI-Agentin Billie Rand (Aunjanue Ellis-Taylor). An diesem Abend aber gibt es nur Lucky und Cary und Las Vegas. Bei Schampus, Glücksspiel und – die Protagonistin ahnt es nicht – Rohypnol feiern sie ihren letzten Abend vor dem neuen Leben. Als Lucky am nächsten Morgen, noch unter Einfluss des Alkohol-Bestäubungsmittel-Cocktails, erwacht, ist Cary aus eben diesem Leben verschwunden, zusammen mit den zehn Millionen Dollar. In der Lobby wartet stattdessen Agent Rand mit einer FBI-Hundertschaft.
Maximalbudgetierter Fernseh-Hochglanz
Lucky muss fliehen. Sieben Folgen wird ihre Flucht und gleichzeitige Suche nach dem Ehemann andauern. Rund um das Paar bringt die Serienadaption von Marissa Stapleys Roman eine Reihe von archetypischen Genrefiguren in Stellung. Der Vater, den Lucky immer wieder im Gefängnis anruft, ist der charismatische Schwindler. Die Schwiegermutter ist die eiskalte Gangster-Queen, die ihren Kaustangen kauenden, aber ansonsten so maulfaulen wie professionellen Handlanger (Clifton Collins Jr.) immer im Schlepptau hat. Eine Stufe über ihr steht der ultrareiche und noch skrupellosere Ölbaron, und Jagd auf alle macht die verbissene FBI-Agentin. Sie alle haben eine gemeinsame Vergangenheit, die sich in Rückblenden entfaltet.
Das gibt Kontext, ist aber zugleich emblematisch für die Probleme der Miniserie. Zu oft scheint „Lucky“ als Thriller die Flucht weniger in den Fußstapfen zahlloser Vorgänger als in völlig ausgelatschten Schuhen anzutreten. Als stylisch sind sie freilich trotzdem noch zu erkennen: Die Verfolgungsjagden, die Rangeleien und selbst die Kostüme, die sich Anya Taylor-Joy an diversen Orten zusammenklaut, sind maximalbudgetierter Fernseh-Hochglanz – immer gutaussehend, wenn auch nicht immer passend.
Die Verzweiflung ist zu stylish, um wirken zu können
Tatsächlich verkörpert die Hauptfigur selbst am ehesten die Probleme der Serienadaption von Jonathan Tropper und Cassie Pappas: Lucky ist smart, findig und vereint so ziemlich alle Varianten der Schlagfertigkeit in sich. Sie ist das Mädchen, das buchstäblich lernen musste, sich selbst aus dem Pool zu ziehen. Aber dabei eben doch zu glatt, zu stylish, zu eitel. Gleich im ersten Setpiece der Serie muss Lucky alles, was ihr Vater sie gelehrt hat, bzw. alles, dem er sie ausgesetzt hat, mit absolut perfektem Timing einsetzen, um dem FBI und dem Bodyguard der kriminellen Priscilla zu entkommen – und das mit einem Alkohol-Roofie-Kater. Sie macht es gut. Zu gut. Wenn Lucky durch den Müllschacht gleitet, sich einen Hoodie schnappt, durch den Unterbauch des Kinos schleicht, sich durch die Küche davonstiehlt und den Fahrer einer Wäscherei überredet, sie unbemerkt hinauszuschleusen, sieht nichts davon nach tarnen und täuschen aus. Wo Lucky auftritt, ist Modenschau. Perfekt gestylt im geklauten Hoodie, geliehenem pinken Teenager-Shirt und dem fantastisch schlicht geschnittenen Designer-Kleid stapft Lucky im Catwalk-Gang durch die Gefahr. Die Handschellen tauscht sie zwischendurch gegen einen goldenen Armreif. Die Verzweiflung ist zu stylish, um wirken zu können, die Flucht ist zu oft geübt, um wirklich bedrohlich zu wirken.
Zugleich bietet „Lucky“ wenig mehr als besagte Flucht. Rückblenden erzählen von den Wegen, die Lucky, ihren Vater und den Rest der Fliehenden und Jagenden hierher geführt haben. Wirklich entfalten kann sich hier aber keine der Figuren. Zu gehetzt ist die Protagonistin, zu sehr sind die kurzen Ruhepausen, in denen sie auf den Querschnitt der amerikanischen Durchschnittsbevölkerung trifft, um ihre eigene Cleverness gestrickt: die Alleinerziehende, die gut betuchte Mittvierzigerin und der lebenserfahrene Blue-Collar-Dad bringen nur immer neue Taschenspielertricks der Protagonistin hervor. Zu wenig kommt Lucky ins Gespräch, zu wenig Zeit hat sie für andere oder ein wenig Abwechslung.

