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Lügen über meine Mutter

115 minDramaFSK 12
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LÜGEN ÜBER MEINE MUTTER erzählt von der ersten großen Liebe unseres Lebens: der Liebe zwischen Mutter und Kind. Angesiedelt in der westdeutschen Provinz der 1980er Jahre, in einer Familie, in der ein Thema alles beherrscht: das Körpergewicht der Mutter Cornelia (Rosalie Thomass). Ist diese schöne, eigenwillige, unberechenbare Frau zu dick? Muss sie dringend abnehmen? Ja, das muss sie. Entscheidet ihr Ehemann Werner (Golo Euler), der immer stärker beherrscht wird von der fixen Idee, das Übergewicht seiner Frau wäre verantwortlich für alles, was ihm versagt bleibt: die Beförderung, der soziale Aufstieg, die Anerkennung in der Dorfgemeinschaft. Cornelia ist dem ausgesetzt, Tag für Tag, während Tochter Ela (Elise Lindner) zwischen den Stühlen steht und zunehmend vom Vater infiltriert wird über die in seinen Augen unzumutbar dicke Mutter. Doch was ist die Wahrheit und wer belügt hier eigentlich wen?
LÜGEN ÜBER MEINE MUTTER ist ein kraftvolles Plädoyer für weibliches Empowerment, ein zutiefst berührender und menschlicher Film. Aus der Perspektive ihrer Tochter wird die Geschichte einer Frau erzählt, die unbeirrt nach ihrem eigenen Weg sucht. Ihr Ringen um Selbstbestimmung und Würde ist ebenso bewegend wie inspirierend – und zeigt eindrucksvoll, wie viel Mut es braucht, sich gegen persönliche wie gesellschaftliche Erwartungen zu behaupten.
  • Veröffentlichung08.10.2026
  • Aron Lehmann
  • Deutschland (2026)
  • Untertitel, Audiodeskription, Tonverstärkung

Wie viel ist zu viel? Wenn in Aron Lehmanns Spielfilm „Lügen über meine Mutter“ Cornelia (Rosalie Thomass) auf die Waage steigt, lässt die Kamera von Cristian Pirjol die Kilo-Anzeige konsequent verdeckt. Immer schiebt sich irgendetwas Unscharfes ins Bild. Die Botschaft ist klar: Es geht in dieser Erzählung gar nicht um die exakte Zahl, obwohl sich alles um das Gewicht dieser Frau zu drehen scheint, sondern um den Vorwurf, den Ehemann Werner (Golo Euler) und die Gesellschaft ihr machen: Ihr Übergewicht soll Schuld sein an seiner stagnierten Karriere.

Die gleichnamige Romanvorlage von Daniela Dröscher verschweigt ebenfalls das genaue Gewicht der Protagonistin. Auf diese Weise sollte man beim Lesen auf die eigenen Annahmen und Projektionen zurückgeworfen werden, erklärt die Autorin. Das ist klug, und so behalten dies auch das Drehbuch von Rosalie Thomass und die Regie von Aron Lehmann bei.

Nicht glücklich in der Provinz

Es gibt jedoch Unschärfen, die befreien, und solche, die Ungenauigkeiten verschleiern. Letztere scheinen der Literaturverfilmung mehr zu unterlaufen, als dass sie formale Entscheidungen wären. Der Plot ist simpel: Eine schöne, offensichtlich genussfreudige und dennoch strebsame junge Frau ist nicht ganz glücklich damit, ihrem Mann aus der Stadt ins Provinznest gefolgt zu sein und - „ein Kind braucht seine Mutter“, heißt es immer wieder - ihren Beruf aufgegeben zu haben, um sich um den Haushalt und die siebenjährige Tochter Ela (Elise Lindner) zu kümmern. Die kaltherzige, ihren Sohn vergötternde Schwiegermutter (Juliane Köhler) lebt im selben Haus und hält nicht viel von ihrer Schwiegertochter.

So wenig wie Cornelias Gewicht beziffert der Film das plötzliche Erbe, das der Familie in der zweiten Filmhälfte Reichtum beschert. Da flüstert Cornelia ihrer Schwägerin den Betrag ins Ohr, und einzig die schrille Reaktion „Was?!“ lässt mutmaßen, dass es schon recht viel sein dürfte, was der einstige Bergarbeiter seiner Tochter Cornelia hinterlassen hat. Aber was ist „recht viel“? Zeigt sich Reichtum in einem neuen Eigenheim mit Pool und einem CD-Turm, den Mitte der 1980er-Jahre noch kaum jemand hatte?

Schon im ersten, dunkelbraun-bunten Kosmos stimmt das behauptete Zeitkolorit nicht ganz; manches lässt atmosphärisch eher an die 1960er- und 1970er-Jahre denken. Von dort aus springt der Film dann ästhetisch in die Neunziger-, wenn nicht gar frühen Nullerjahre, obwohl die Figuren noch genauso alt sind. Unter Modernität in der Innenausstattung verstand man Mitte der 1980er-Jahre sicher nicht cleane, weiße Wände. Es sind solche Kleinigkeiten, die sich nach und nach zu einer größeren Unstimmigkeit summieren: Wo lebt diese Familie eigentlich, in welchem Jahrzehnt? Der Mercedes, den Werner kauft, wurde nur bis Mitte der 1980er-Jahre gebaut, die Einrichtung des neuen Hauses hingegen wirkt, als lebte die Familie bereits in einer späteren Welt. Womöglich soll damit gesagt werden, dass viele der alten Muster in einem Backlash wiederkommen. Dazu würden auch die rotzfrech-gegenwärtigen Cover-Versionen etwa von Grönemeyers „Männer“ im Soundtrack von Nicolas Sierig und Principess passen . Doch für eine solche Aussage sind diese Unschärfen zu inkonsistent.

Kind mit erwachsenen Kommentaren

Erzählinstanz der Geschichte ist Ela. Ihr legt Lehmann aus dem Off sozialkritische Sätze in den Mund, die erst eine erwachsene Ela so denken und sagen können sollte (wieder eine Vorannahme). Etwa, dass die Volkswirtschaft sofort zusammenbräche, würden eines Morgens alle Frauen aufwachen und mit ihren Körpern zufrieden sein. Diese altklugen Kommentare retten das Kind in eine aushaltbare Distanz zum Geschehen und erzeugen durch den Kontrast eine gewisse Komik. Elas notgedrungen frühe Kennerschaft von Erwachsenenproblemen verleiht ihr dennoch Autorität, was auch bildlich umgesetzt wird; oft sprechen die Figuren in die auktoriale Kamera und durchbrechen so die Vierte Wand. Doch die Erwachsenen richten sich dabei letztlich immer an das Kind, denn das Bild bleibt zum Beispiel um 90 Grad geneigt, wenn Ela gerade sinnierend unterm Tisch liegt. Ela hingegen spricht direkt das Publikum an.

Den Kontrast zwischen persönlicher Erinnerung an eine Kindheit in der westdeutschen Provinz in den 1980er-Jahren und essayistischen Einschüben über den Druck auf Frauenkörper aus heutiger Erwachsenensicht löst der Film damit sehr geschmeidig auf. Lehmann hat sich schon in „Was man von hier aus sehen kann“ (2022), der Verfilmung des Romans von Mariana Leky, als feinfühliger und dem Schrägen nicht abgeneigter Beobachter weiblicher Aus- und Aufbruchsgeschichten erwiesen. Sein Stil zwischen Sozialkritik, kindlichen Einsprengseln, Sentiment und nerdigem Humor funktionierte dort sehr gut. Durch die Lektüre von Dröschers Buch habe er erst das ganze Ausmaß subtiler patriarchaler Kontrolle und Gewalt in den 1980er-Jahren begriffen, , gibt er im Presseheft zu Protokoll.

Mit Hingabe und ruhigem Stolz

Hauptdarstellerin Rosalie Thomass schrieb das Drehbuch und verkörpert Cornelia mit Hingabe und ruhigem Stolz. Auch in den Nebenrollen läuft Lehmanns Gespür für Besetzung und Schauspiel-Regie zu Hochform auf: eine furchteinflößend versteinerte Juliane Köhler als eiskalte Schwiegermutter, deren Panzer man nur allzu gerne einmal hätte aufbrechen sehen; Anneke Kim Sarnau als Werners unspießige Schwester Lu, von der man sich ein paar unvorhergesehene Eingriffe in die Handlung gewünscht hätte, und, ebenfalls zu kurz, Emma Mütze als toughes Mädchen Jessy. Johanna Gastdorf spielt die herzliche, aber demente Großmutter so peinvoll liebenswürdig, dass die unsichtbare innere Anstrengung plausibel wird, die Cornelia der Umgang mit ihr kostet.

Rosalie Thomass sagt, sie habe durch die Arbeit am Film nochmal „mehr verstehen“ können, „wie viele ungelebte Leben, wieviel nicht ausgeschöpftes Potential, wie viel heruntergeschluckter Frust da im Umlauf waren und sind“. Das ist ehrenvoll und wichtig. Doch weil der Film keine Ebenen und Perspektiven jenseits des Gewichtsthemas findet, berufliche Ausbremsung und eine aufkommende Krankheit einfach nur als erwartbare Konsequenzen miterzählt, entgleitet ihm das Analytische. Der längliche Schluss vollführt dann eine Umwertung der Lüge zur Heldentat zu angestrengt, um noch zu berühren.

Veröffentlicht auf filmdienst.deLügen über meine MutterVon: Cosima Lutz (22.9.2026)
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