Vorstellungen
Filmkritik
Die Prämisse der Horror-Reihe „The Purge“ ist ebenso simpel wie absurd: In den USA wurde ein Gesetz erlassen, das Mord für eine Nacht im Jahr legalisiert – und in dieser Nacht ist die Hölle los. Weitaus absurder ist jedoch, dass „One Night Only“ diese Prämisse nimmt, um sich daraus eine romantische Komödie zurechtzubiegen. Aus obskuren Gründen wurde ein Mandat bewilligt, das vorehelichen Sex nur noch für eine Nacht im Jahr zulässt. Und auch hier ist die Hölle los. Nur eben sexy. Die menschenunwürdigen Umstände bei „One Night Only“ werden weder als dystopisches Horrorszenario noch als bissige Gesellschaftskritik genutzt, sondern nur als Steilvorlage für jede Menge romantische Verstrickungen auf der Suche nach Liebe. Die totalitäre Gesellschaft ist lediglich ein Hintergrundrauschen für eine Screwball-Geschichte im glitzernden New Yorker Nachtleben.
Liebe in Zeiten der Kondomknappheit
Die brennenden Fragen, die das Setting von „One Night Only“ aufwirft, werden bestenfalls beiläufig beantwortet. Wie genau sich ein Staat derart verändern konnte, welche Logistik nötig wäre, um die komplette Bevölkerung mit GPS auszustatten, und weshalb die Leute nicht heftiger protestieren, sind für die Handlung ohne Belang. Der Film verlässt sich darauf, dass die Ausgangslage nicht weiter hinterfragt wird, damit man mit den Auswirkungen Spaß haben kann. So werden Hygieneartikel plötzlich zu Luxusartikeln, Dating-Apps zur Hauptbeschäftigung und wo man hinsieht, sind Leute dabei, sich die Kleider vom Leib zu reißen und ihren Lüsten freien Lauf zu lassen.
In dieser wollüstigen Welt ist die angehende Sängerin Allie (Monica Barbaro) beim Barhopping auf der Suche nach dem richtigen Mann für dieses alljährliche Event. Natürlich soll es nicht nur unverbindlicher Sex sein, sondern auch etwas mit Gefühl, auch wenn das ausgerechnet heute niemand anderen zu interessieren scheint. Ein paar Blocks weiter hat Pizzabäcker Owen (Callum Turner) gerade von seiner Partnerin (Maya Hawke) erfahren, dass sie gerne heute mit jemand anderem schlafen möchte, und macht sich auf die Suche nach einem eigenen Seitensprung. Es ist klar, dass die beiden einsamen Herzen füreinander bestimmt sind, doch im Laufe der verrückten Nacht müssen sie unzählige kleine Abenteuer überstehen, ehe sie zueinander finden: von eigenartigen Verehrern über hinterhältige Trickbetrügerinnen bis hin zur Frage, wem das letzte 200-Dollar-Kondom gehört.
Moderne Komödie mit nostalgischem Kern
Der Stil von Regisseur Will Gluck basiert in erster Linie darauf, zwei attraktive Menschen vor die Kamera zu stellen, die sich abwechselnd hassen und lieben dürfen. Diese Konstellation verpackt er, nicht zum ersten Mal, in eine glatte Werbeclipästhetik voller jugendfreiem Sexappeal. Das fühlt sich auf der Oberfläche stark nach Instagram an, doch Gluck hat genug Erfahrung, um ein paar Schritte weiterzugehen. Er lässt sich von unzähligen romantischen Komödien von den 1960er- bis in die 1990er-Jahre inspirieren. Dort hat er sich abgeschaut, wie sich ein Pärchen kennenlernen muss, wann ein emotionaler Wendepunkt notwendig ist und warum eine Songeinlage nicht fehlen darf. Nicht umsonst ist Molly Ringwald, Ikone der 1980er-Teenie-Comedys, in einer prominenten Gastrolle besetzt.
Um nicht nur ein Echo früherer Dekaden zu sein, bricht Gluck jedoch alte Klischees immer wieder ironisch. Ein typisches Treffen voller verliebter Blicke wird durch plötzliche Magenprobleme gestört, ein schmissiger Popsong entpuppt sich als Werbelied für ein Geschlechtshygiene-Produkt. Er findet immer wieder kreative Momente in seinen Hommagen.
Die größte Stärke ist allerdings, wie in vielen seiner Filme, das zentrale Pärchen. Callum Turner und Monica Barbara legen eine liebenswerte Chemie an den Tag, die dem Film enorm hilft. Insbesondere Barbaro liefert nach ihrer hervorragenden Darbietung in „Like a Complete Unknown“ einen weiteren Beweis dafür, dass sie echtes Starpotenzial mitbringt. Würde man es schaffen, sich ausschließlich auf die aufkeimende Romanze zwischen Allie und Owen zu konzentrieren, gibt es wohliges Bauchkribbeln und viel zu lachen. Doch sobald man in der richtigen Stimmung dafür ist, erinnert einen der Film wieder an seine überfrachtete Prämisse.
Unkomplizierter Kuschel-Totalitarismus
Die temporeiche Leichtherzigkeit von „One Night Only“ muss sich konstant gegen das absolut fehlgeleitete Szenario behaupten, das weder logisch noch emotional nachvollziehbar ist. Ein fader Beigeschmack stellt sich spätestens dann ein, wenn man sich bewusst macht, wie nahe das fiktive Regime an unserer Lebensrealität ist. Es gibt etliche Nationen, die das Sexualleben ihrer Bürgerinnen aufs Schärfste reglementieren, und marginalisierte Communitys, die dafür kämpfen, ihre Sexualität ausleben zu können. Auch in den USA werden immer wieder Gesetze verabschiedet, die Teile der Bevölkerung einschränken sollen. All das hätte in „One Night Only“ kritisch reflektiert werden können. Doch der Film tut in seiner unverfänglichen Art alles, um den Finger nicht in die Wunde zu legen, auf die er ständig selbst zeigt.
Für Owen, Allie und ihre Freunde ist das Leben in einem Staat, der seine Bevölkerung überwacht und ihnen die körperliche Autonomie nimmt, eigentlich gut auszuhalten. Es ist eine Art Kuschel-Totalitarismus, in dem die Leute Graffiti an die Wand schmieren und ab und zu eine Parole rufen. Die kleinen Ansätze von Rebellion sind so ebenso zahm wie wirkungslos, denn letztendlich mündet das verhasste Mandat in einer Partynacht, die für alle ein besonderes Ereignis ist. Zumindest, wenn man einfach die richtige Einstellung hat und cool damit umgeht. „One Night Only“ wirkt wie das moralische Äquivalent einer Person, die strikt behauptet, „unpolitisch“ zu sein, aber damit eigentlich nur zugesteht, dass ihr unmenschliche Regelungen egal sind, weil sie nicht persönlich betroffen ist. Für alle Menschen, die wirklich täglich für ihre Rechte kämpfen, muss der Vorspann, der das neue Gesetz erklärt und mit einem augenzwinkernden „It’s been a lot!“ endet, blanker Hohn sein.
Kein Fehltritt, sondern werbewirksames Kalkül
„One Night Only“ ist eine hervorragende romantische Komödie, die eine grauenhafte Grundidee mit sich herumschleppt. Die Idee „Eine verrückte Nacht, in der alle Singles Sex haben wollen“ war nicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt. In seinen besten Momenten ist der Film dermaßen kurzweilig und sympathisch, dass er die kritische Stimme im Hinterkopf zum Schweigen bringt und dafür sorgt, dass man fest die Daumen drückt. Nicht nur dafür, dass die beiden Hauptfiguren ihre große Liebe finden, sondern vor allem dafür, dass der Film den Mut findet, sich mit seiner eigenen Prämisse auseinanderzusetzen. Nur eine subversive Szene, eine einzige Konsequenz, die Gewicht hat, oder eine Entscheidung, die über ein Lippenbekenntnis hinausgeht, würde reichen, um die gröbsten Bedenken abzumildern. Doch darauf wartet man vergebens. Wie die meisten One-Night-Stands bleibt der Film völlig unverbindlich.
Die Wahrheit dürfte allerdings schlicht und ergreifend sein, dass die Diskrepanz zwischen Thema und Inhalt kein Fehltritt war, sondern Kalkül. Der Gag, dass „The Purge“ zur romantischen Komödie gemacht wurde, sorgte bereits vor der Veröffentlichung für Aufmerksamkeit. Der daraus resultierende Film ist ebenso unterhaltsam wie oberflächlich und bietet sich darum ideal an, um sich jenseits der Leinwand darüber zu streiten. Es ging wahrscheinlich nie darum, die bestmögliche romantische Komödie zu drehen, sondern darum, das bestmögliche Marketing zu ermöglichen. Dieser Werbe-Gag ist „One Night Only“ offensichtlich gelungen. Alles, was dafür geopfert werden musste, war die Chance, einen wirklich guten Film zu machen.






