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Our Girls

103 minDrama
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Während eines Urlaubs in den österreichischen Alpen gerät die langjährige Freundschaft zweier Ehepaare völlig außer Kontrolle, als ein Unfall ihrer Teenager-Töchter sie in ein herzzerreißendes moralisches Dilemma stürzt

Es passt alles zu perfekt, um die Gelegenheit nicht beim Schopf zu packen. Zwei Familien aus den Niederlanden hat es im Urlaub an denselben Ort in den österreichischen Alpen gezogen. An einem malerischen Bergsee machen sich die Mütter miteinander bekannt. Ein Ferienhaus steht in der Gegend zum Verkauf. Für eine der Familien allein ist es zu teuer, doch gemeinsam wäre es erschwinglich und Platz für zwei Paare mit Kind wäre mehr als genug vorhanden. Dass beide Mädchen ungefähr im gleichen Alter sind, scheint eine weitere optimale Fügung zu sein.

Doch der niederländische Regisseur Mike van Diem verrät schon bei der ersten Begegnung zu Beginn von „Our Girls“, dass dem Anschein nicht zu trauen ist. Als Gwen (Noortje Herlaar) die Mädchen im Sandkasten fotografieren will, haut ihre Tochter Elise der neuen Spielkameradin Madelon eine Schaufel vor den Kopf. Die Harmonie zwischen den Familien Reekers und van Eeden entlarvt sich hier schon als reine Fassade.

Man arrangiert sich und blendet Misstöne aus

Allerdings ist die Fassade so solide, dass die Eltern auch zehn Jahre später noch an ihr festhalten. Das Ferienhaus haben sie gemeinsam gekauft, nutzen es abwechselnd und im Sommer auch zusammen. Zwar haben alle ihre eigenen Interessen, doch man arrangiert sich. Misstöne, ob aktuelle oder vergangene, werden ausgeblendet, so wie das Wandfoto von der Spielplatzbegegnung nicht den Vorfall mit der Schaufel zeigt, sondern den Moment davor mit den vermeintlich einträchtig nebeneinanderhockenden Mädchen. Die sind als Jugendliche nach wie vor keine engen Freundinnen. Ihnen ist wie den Erwachsenen klar, dass Elise bestimmt, wo es langgeht.

Zusammen halten die beiden nur, wenn sie sich im Urlaub absetzen wollen. So steigen sie gemeinsam mit dem gleichaltrigen Ralph auf sein Quad und brettern auf Schotterstraßen die Berge rauf und runter, dass den Eltern angst und bange wird. Zu Recht, denn die Fahrt endet in einem verheerenden Unfall: Elise hat gravierende Kopfverletzungen und ist bewusstlos, Madelon kommt mit gebrochenen Rippen in dieselbe Klinik, nur für den Jungen ist der Crash glimpflich ausgegangen.

In der sterilen Atmosphäre des Krankenhauses lässt sich fortan verfolgen, wie das Gleichgewicht zwischen den Familien zerbricht. Die Reekers blicken als das „glücklichere“ Elternpaar auf die van Eedens herab, zwar mit Mitgefühl, aber durchaus auch mit einer gar nicht so leisen Genugtuung über den Ausgang des Unfalls. Denn für Anouk Reekers (Thekla Reuten) steht fest, dass nur das „Problemkind“ Elise die Schuld tragen kann und es deshalb gerecht ist, wenn es sie schlimmer getroffen hat als Madelon; ihr zurückhaltender Mann Danny (Fedja van Huêt) scheint sie darin zu unterstützen. Aber auch Gwen van Eedens erster Gedanke ist, dass ihre Tochter wieder mal etwas Dummes oder Gefährliches gemacht hat.

Die Diagnose wird optimistisch zurechtgebogen

Lediglich Elises Vater Eric (Valentijn Dhaenens) schert aus und sieht nicht in Elise, sondern in dem Jungspund am Steuer des Quads den Verantwortlichen für das Unglück. In diese Vorstellung steigert sich der Mann, dem von Frau und Freunden autistische Züge unterstellt werden, immer mehr hinein. Ebenso biegt er sich auch die Diagnose von Elises „kaum vorhandener Hirntätigkeit“ optimistisch so zurecht, dass seine Tochter nicht aufgegeben habe und damit auf dem Weg der Besserung sei. Und an den Koryphäen-Status des behandelnden Arztes, der den Eltern wenig Hoffnung macht, mag Eric schon deshalb nicht glauben, weil der Mediziner bei der ersten Begegnung die Namen der Mädchen durcheinandergebracht hat.

Eine Zeitlang amüsiert sich der Film damit, aus gebotener Distanz und mit scharfsinnigen Dialogen die beiden Paare zu beobachten, die in der Gruppe noch den Schein alter Freundschaft zu wahren versuchen, allein mit dem Partner aber immer hemmungsloser über das andere Paar herziehen. Anouk und Danny erwarten die baldige Entlassung von Madelon und den Tod von Elise, bemühen sich aber, Gwen und Eric mit tröstenden Worten über das Unglück ihrer Tochter hinwegzuhelfen. „Our Girls“ bewegt sich auf ähnlichem Terrain wie der vielfach verfilmte Roman „Het diner“ von Herman Koch und das Theaterstück „Der Gott des Gemetzels“. Denn auch hier verfällt eine Konstellation von vier Erwachsenen, die betont vernünftig und gesittet über ihre Kinder reden wollen, einem immer unverblümteren und gehässigeren Austausch.

Allerdings geht es im Szenario von „Our Girls“ nicht um mögliche Bestrafungen für Fehlverhalten der Sprösslinge, sondern um existenzielle Fragen, spätestens mit einem Tonartwechsel zur Hälfte des Films. Hatte der Fauxpas des Arztes schon früh den Gedanken ins Spiel gebracht, dass die Situation auch andersherum sein könnte, tritt nun genau dies ein. Madelons Verletzungen stellen sich nun als lebensgefährlich heraus. Nur eine Herztransplantation kann sie retten – und die immer noch komatöse Elise wäre die ideale Spenderin. Was beiden Elternpaaren klar ist und die Frage nach den Überlebenschancen für beide Mädchen (ohne die Spende) respektive nur für Madelon (mit Elises Herz) endgültig zum Großkampfgebiet macht.

Das Unglück nicht aufhalten können

Der Anstand im Umgang miteinander geht den vier dabei endgültig verloren. Es wird laut, dramatisch und hässlich. Die Freundschaft wird ebenso preisgegeben wie der unbedingte Zusammenhalt innerhalb der Paare. Die Inszenierung präsentiert diese Entgleisungen durchaus mit der gebotenen Bitterkeit, doch es liegt dem Regisseur fern, aus seinen Figuren Monster zu machen. Rund dreißig Jahre nach seinem „Oscar“-gekrönten Historiendrama „Karakter“ lotet van Diem subtil Familienbeziehungen aus; die kalte Überheblichkeit eines Michael Haneke oder Yorgos Lanthimos, denen ein Szenario wie „Our Girls“ auch zuzutrauen wäre, liegt dem Niederländer fern.

Sein mitfühlender Blick auf die Charaktere bleibt auch in deren moralisch fragwürdigsten Momenten erhalten. Ihr Benehmen resultiert nachvollziehbar aus der Verzweiflung, das Unglück in ihrem Leben nicht aufhalten zu können – im Kontrast zu den Fotos, die der Film wiederholt ins Bild rückt und die auf ewig die strahlenden Augenblicke der Vergangenheit zeigen. Van Diem und sein Kameramann Martin Gschlacht arrangieren die Figuren immer wieder so neben- und hintereinander, im Kreis oder einander gegenüber, dass man ohne das Wissen um den Kontext leicht an eine ungebrochene Eintracht glauben könnte. Die Zuschauer aber wissen, dass es Trugbilder sind – und der Gewissenskonflikt jede Illusion unweigerlich auflöst.

Veröffentlicht auf filmdienst.deOur GirlsVon: Marius Nobach (6.10.2026)
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