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Ein Nobody gegen Putin

90 minDokumentarfilmFSK 12
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Während Russland seine groß angelegte Invasion der Ukraine startet, werden Grundschulen im gesamten Hinterland Russlands zu Rekrutierungsstätten für den Krieg umfunktioniert. Angesichts des ethischen Dilemmas, in einem von Propaganda und Gewalt geprägten System zu arbeiten, begibt sich ein mutiger Lehrer undercover auf die Suche, um zu filmen, was in seiner eigenen Schule wirklich so vor sich geht.

Wie man auf höchst unwillkommene Weise berühmt wird: Zu Sowjetzeiten prägte eine Kupfermine die Kleinstadt Karabasch im russischen Ural und vergiftete Luft und Erde; nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde Karabasch infolge des kommunistischen Umweltverbrechens von der UNESCO als „giftigster Ort der Welt“ bezeichnet. Und das machte die nur noch knapp 10.000 Einwohner zählende Stadt über Jahre zum makabren Anziehungsort für Touristen und ihre Spottvideos. Berichtet wird dies zu Beginn von „Ein Nobody gegen Putin“ in bitter-ironischem Tonfall, der auch fortan die Ich-Erzählung des Dokumentarfilms prägen wird: Pawel Talankin hat sich von Kindheit an mit dem Leben in Karabasch arrangieren müssen, das aber zeitweise durchaus erfolgreich gemeistert.

An der größten Schule des Orts hat er als pädagogischer Projektleiter einen besonderen Draht zu den Kindern entwickelt. Dank seiner unkomplizierten Art bietet er sich als der „coole“ Lehrer an, während seine Kollegen in dem untersetzten jungen Mann mit Brille, der abgesehen von seiner Mutter keine erwachsenen Bezugspersonen zu haben scheint, wohl eher den harmlosen Schulnerd sehen. Wozu auch beiträgt, dass Talankin ständig mit einer Kamera anzutreffen ist; als begeisterter Amateurfilmer ist er der offizielle Schul-Videograf.

Ein drastischer Wandel der Arbeit

Talankin berichtet rückblickend von einem bescheidenen, aber aus seiner Sicht erfüllenden Leben: Er zeichnet Feste und Aufführungen auf, lässt die Schüler sich aber auch kreativ austoben oder einfach mal herumalbern. Diese unbeschwerten Bilder finden jedoch Ende Februar 2022 ein abruptes Ende. Mit Russlands Angriff auf die Ukraine erfasst die staatliche Propaganda sofort auch die Schulen, bis in die entferntesten Winkel des Landes. „Meine Arbeit hat sich drastisch geändert“, kommentiert Talankin. In der Schule gibt es nun Aufmärsche mit Flaggen und patriotischer Musik vor der versammelten Kinder- und Lehrerschar, Lieder und Morgenübungen werden Teil des Tagesablaufs, und insbesondere gibt es nun „speziellen Unterricht“.

Talankin muss auch das alles filmen, in offiziellem Auftrag, denn das Bildungsministerium will anhand der Videos feststellen, ob die staatlichen Anordnungen auch an Provinzschulen befolgt werden. So richtet der Pädagoge mit wachsendem Entsetzen die Kamera auf Kolleginnen, die schicksalsergeben die anti-ukrainische Verzerrung der Geschichte und die Verharmlosung des Kriegs in die Klassen weitergeben, beim Vorlesen aber vielsagenderweise über Begriffe wie „Denazifizierung“ stolpern. Ein anderes Kaliber ist der Geschichtslehrer Pawel Abdumanow, der die Putinsche Propaganda zur Gänze in sich aufgesogen hat und die Ukraine und Europa mit Häme überschüttet. Unterstützung für eine ablehnende Haltung gegen den Krieg findet Talankin nur bei älteren Schülern, die kurz vor dem Abschluss stehen. Vielen von ihnen droht unmittelbar danach die Einberufung und der Weg an die Front.

Aufklären statt kündigen

Angesichts all dessen stand der Lehrer damals kurz vor der Kündigung, wie er vor seiner eigenen Kamera erklärt. Doch just da erreichte ihn eine Kontaktaufnahme aus dem Ausland: Ein Filmregisseur hat Talankins Eintrag unter einem Instagram-Beitrag gelesen, in dem er die Auswirkungen des Kriegs auf seine Schularbeit andeutete. Nach kurzer Bedenkzeit verzichtet Talankin auf die Kündigung und setzt seine Aufnahmen unter anderen Vorzeichen fort: Aus seiner Insider-Position heraus will er über die Gleichschaltung der russischen Bevölkerung aufklären und die staatlichen Manipulationsmanöver entlarven.

Was der Preis für diese Entscheidung ist, hat der Film zu diesem Zeitpunkt schon verraten: Damit die versteckten Aufnahmen überhaupt zusammengefügt werden konnten, musste Talankin sie aus dem Land schaffen, was angesichts der russischen Härte gegen „Landesverräter“ gleichbedeutend mit seiner Emigration ist. Bei „Ein Nobody gegen Putin“ wird Talankin nun als Co-Regisseur genannt, neben dem Dokumentarfilmer David Borenstein, der vor allem für „Dream Empire“ über den Zusammenbruch des chinesischen Immobilienmarktes bekannt ist, ebenfalls der Bericht eines Insiders mit frappierenden Einblicken.

Davon gibt es auch in „Ein Nobody gegen Putin“ reichlich. Talankin filmt Demonstrationen für den Krieg, die offensichtlich organisiert sind, um die Einigkeit der Bevölkerung zu behaupteten, er zeichnet patriotische Durchhalte-Reden auf, militärische Sportveranstaltungen mit Disziplinen wie „Granatenweitwurf“ und Besuche der Wagner-Söldner in der Schule, nach denen die Kinder mit Gewehren in den Gängen spielen. Ein dankbares Objekt zur Demaskierung ist auch der Kollege Abdumanow. Ebenso arglos in seiner Verbohrtheit wie eitel, gibt er vor Talankins Kamera preis, welche historischen Personen er gern einmal treffen würde – mit Lawrenti Beria, Wiktor Abakumow und Pawel Sudoplatow sind es drei zentrale Figuren des stalinistischen Terrors. Der Grund: „Sie hatten interessante Jobs.“

Zwangsweise eine eingeschränkte Perspektive

Andere Elemente des Films sind weniger entlarvend als bedrückend, auch für Pawel Talankin. Ehemalige Schüler werden eingezogen und lassen sich vorher schon einen Kurzhaarschnitt verpassen, einer von Talankins früheren Klassenkameraden stirbt ebenso an der Front wie der Bruder einer seiner Lieblingsschülerinnen. Es sind Szenen, in denen auch am klarsten wird, wo Grenzen von „Ein Nobody gegen Putin“ liegen: Talankins Perspektive ist eine rein russische, die Mitgefühl in erster Linie für das Leid der jungen Russen, die belogen und in einen sinnlosen Krieg geschickt werden, und für den Schmerz ihrer Angehörigen hat; Gedanken an das Leid der Ukrainer formuliert der Film hingegen nur indirekt. Außerdem fehlt Talankin verständlicherweise auch der Einblick in die Auswirkungen des Kriegs auf die ukrainische Seite, etwa darin, dass auch dort die Militarisierung die Schulen mit im Griff hat – was viele der seit 2022 entstandenen ukrainischen Dokumentarfilme bezeugen, aber bislang nur wenige, etwa Sergei Loznitsas „Die Invasion“, auch problematisierten.

Die schiere bewundernswerte Existenz dieses Films und der Mut seines Urhebers tragen auch darüber hinweg, dass seine Machart letztlich immer auf dem Niveau eines Amateurvideos bleibt und nicht jede Sequenz gleichermaßen aussagekräftig ist. „Ein Nobody gegen Putin“ steckt dramaturgisch voller loser Enden und in ihrer Wirkung sehr variablen Episoden, die Bedeutung mancher Momente für das dokumentarische Gesamtgefüge bleibt auch schlicht unerklärt. Das raubt dem Film jedoch nichts von seiner aufklärerischen Kraft. Nicht zuletzt macht er deutlich, dass Akte des Widerstands in der russischen Zivilbevölkerung möglich sind, wenn auch nur unter enormer Gefahr. So sympathisch der Widerstandsgeist von Pawel Talankin ist – Hoffnung auf eine baldige Überwindung des Putin-Systems verströmt auch „Ein Nobody gegen Putin“ eher nicht.

Veröffentlicht auf filmdienst.deEin Nobody gegen PutinVon: Marius Nobach (15.12.2026)
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