Vorstellungen
Filmkritik
Christy (Sydney Sweeney) spielt an ihrem College Basketball. Ihre wahre Berufung findet sie in dem heruntergekommenen, an Zukunftschancen nicht gerade reichen ehemaligen Bergbaudorf Itaman aber im Ring. Aus dem Off verrät die jugendlich ungestüme Frau mit der wuscheligen Dauerwelle, die in den 1990er-Jahren zur bekanntesten Boxerin der USA wurde, ihre angestaute Wut hätte sie immer wieder zu Höchstleistungen getrieben. Woher dieser Zorn unter anderem kommt, zeigt Regisseur David Michôd gleich zu Beginn bei einer Zusammenkunft in der ärmlichen, schummrigen Familienwohnung. Christys Mutter (Merritt Wever), die im Laufe des Films noch so manche ungeahnte Bösartigkeit von sich geben wird, versucht ihrer Tochter dabei mit bigott säuselnder Kaltblütigkeit das Lesbischsein auszutreiben. Vater und Bruder schweigen währenddessen nur mit verlegen gesenktem Blick und bleiben auch ansonsten passiv.
Vom schüchternen Arbeitermädchen bis zum prahlenden Star
Die Heldin aus der Filmbiografie „That’s Why The Lady Is A Champ“ wirkt anfangs wie ein roher Diamant. Die eher durch ihr selbstbewusst laszives Image bekannte Schauspielerin Sydney Sweeney nahm für ihre Rolle 14 Kilo zu und verkörpert die hemdärmelige Christy Martin mit einer Unschuld, die sich etwa darin offenbart, dass die Boxerin ihre meist ungewöhnlich schnellen Siege gar nicht fassen kann. Mit wechselnden Frisuren und immer neuen, extravagant gemusterten Blusen spielt sich Sweeney dabei überzeugend durch unterschiedliche Bewusstseinszustände; vom schüchternen Arbeitermädchen bis zum prahlenden Star.
Der Film erzählt zweierlei: Einmal wie sich diese junge Frau durch Ehrgeiz und Hartnäckigkeit zur unbezwingbaren, schließlich vom berühmten Don King (Chad L. Coleman) promoteten Boxerin mausert. Ihr Hochmut schützt die nicht nur im Ring ungezügelte, sondern auch mit einer großen Klappe ausgestattete Christy letztlich nicht vor dem Fall. Die zweite, noch spannendere Geschichte, die „That’s Why The Lady Is A Champ“ erzählt, handelt von einer jungen Frau, die sich aus fehlender Erfahrung und mangelndem Selbstbewusstsein bis zur Unkenntlichkeit verbiegen lässt. Der Boxtrainer David Martin (Ben Foster) hat zunächst nur Verachtung für seine bullige Schülerin übrig, findet aber zunehmend Geschmack daran, sie nach seinen Wünschen zu formen. Erst soll sie ein paar Kilo abnehmen, dann sich die Haare damenhafter wachsen lassen, und schließlich steckt er sie noch in ein rosa Bühnenoutfit, das vor allem ihm selbst gefällt.
Im Ring konfrontativ, aber emotional unsicher
Wie der deutlich ältere Martin recht abrupt zum Freund und schließlich auch Ehemann wird, hat von Anfang an einen unangenehmen Beigeschmack. Er ist mitverantwortlich für Christys Erfolg, versucht sie aber auch immer zwanghafter zu kontrollieren. Die Boxerin gibt sich zwar im Ring konfrontativ, ist aber emotional so unsicher, dass sie sich leicht manipulieren lässt und aus reiner Bequemlichkeit selbst verleugnet. Als ein TV-Sender das Paar für eine Home-Story besucht, inszeniert sich Christy mit sichtbarem Unbehagen als brave Ehefrau, die sich privat ganz den Bedürfnissen ihres Mannes unterordnet.
Ben Foster, der neben Sweeney die zweite schauspielerische Attraktion des Films ist, verkörpert Martin mit Fatsuit, blondiertem, schütterem Haar, einer trügerisch debilen Sanftheit und dem Blick eines empathielosen Psychopathen. Immer wahnhafter werden Martins Eifersucht und immer rigider die Beschränkungen, die er seiner Frau auferlegt und von denen sich Christy lediglich im Ring freiboxen kann.
Gelegentlich sieht „That’s Why The Lady Is A Champ“ wie ein allzu konfektionierter Sportfilm aus. Austauschbare Montagesequenzen, die untermalt von gefühliger Streichermusik Christy beim Training oder im Ring zeigen, rahmen etwa ihren rasanten Aufstieg. Dass Michôd Boxszenen nicht nur dekorativ, sondern auch spannend umsetzen kann, zeigt er später, etwa als sich Christy im Kampf gegen Muhammad Alis respekteinflößende Tochter Laila hoffnungslos übernimmt. Seinen erzählerischen Bogen überspannt der Film mit seiner epischen Laufzeit von 135 Minuten zwar etwas, lebt aber meist vom Charme seiner Darsteller sowie von psychisch dichten Momenten.
Eine immer giftiger werdende Beziehung
Mit Christys abnehmendem Erfolg ändert sich der Erzählton dann endgültig. Die durch Unzufriedenheit und Drogen immer giftiger werdende Beziehung zwischen der Boxerin und ihrem psychotischen Trainer nimmt schließlich eine Wendung, die man sich brutaler nicht hätte ausmalen können. Der Film wird dabei ganz vom psychischen Ausnahmezustand seiner Heldin beherrscht; von ihrer Beklemmung und Paranoia. Es dauert noch eine Weile, bis Christy sich auch im Privatleben freiboxen kann. Als es endlich so weit ist, fragt sich ihre Stimme aus dem Off überfordert, was sie nun vom Leben fordern soll, wo sie sich zum ersten Mal nicht mehr den Wünschen Anderer unterordnen muss.











