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Filmkritik
„Nun erzählen Sie mal. Wie ist es, eine farbige Frau zu sein?“ Schon in den ersten Einstellungen von „The United States vs. Billie Holiday“ wird der dramaturgisch reißerische Rahmen für Lee Daniels’ Biopic über eine der berühmtesten wie berüchtigtsten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts abgesteckt: Billie Holiday (1915-1959). Dabei sitzt die altersmäßig noch junge, aber durch Drogen- und Liebesexzesse gezeichnete Jazz- und Swing-Ikone (gespielt von Andra Day) müde, leicht aufgedunsen und zwischen Apathie und Angriffslust mäandernd am Schreibtisch, um wieder mal das nächste von unzähligen Interviews zu geben, die ihr im Rückblick auf ihre wechselhafte Karriere im weißen Establishment oft genug Kummer und Schmerz einbrachten.
Eine Künstlerin im Fokus des FBI
Bereits seit den mittleren 1930er-Jahren, in denen ihr mit der Unterstützung durch Benny Goodman und Louis Armstrong und Songs wie „Riffin’ the Scotch“, „Your Mother’s Son-In-Law“ oder „All of Me“ als Teenagerin der musikalische Durchbruch gelang, war die legendenumrankte Sängerin niemals „Everybody’s Darling“. Während beispielsweise das „Time“-Magazine ihren 1939 entstandenen Skandalsong „Strange Fruit“, der die Lynchmorde weißer Amerikaner an der schwarzen Bevölkerung in aufsehenerregender Weise thematisierte, später als „Song des Jahrhunderts“ feierte, geriet die fragile Interpretin aufgrund ihrer chronischen Heroin- und Alkoholsucht sowie ihres politischen Engagements als öffentliche Person zeit ihres Lebens immer wieder in den Fokus von FBI-Ermittlern sowie Vertretern der US-amerikanischen Rauschmittelbehörde, die sie wortwörtlich bis ans Totenbett begleiteten.
Mit dem Skandalimage Holidays sowie den politisch-historischen Verwerfungen der Zeit hantiert dann auch Daniels in seinem lediglich in der Titelrolle glänzend besetzten Drama von der ersten Sekunde an. So reagiert die bereits weltberühmte, aber stets melancholisch blickende Kultsängerin auf ihren publicitysüchtigen Interviewpartner in der Anfangsszene prompt mit einer Gegenfrage: „Würden Sie Doris Day so eine Frage stellen?“
„Doris Day ist nicht farbig, Dummchen“, lautet die zynische Antwort ihres Gegenübers. Für ihn sei die stets tough auftretende und kultisch verehrte Jazzinterpretin trotz aller gesanglicher Genialität am Ende nichts weiter als eine weiter öffentlich zu demontierende Persona non grata: „Sie Unruhestifertin!“, schleudert er ihr dementsprechend forsch-frech hinterher.
Ein unglückliches, unstetes Leben
„Kriegen Sie das Weib wegen der Drogen dran!“, lautet später ein anderer zentraler Satz in „The United States vs. Billie Holiday“ aus dem Umfeld der nahtlos ermittelnden US-Behörden. Denn das en gros unglückliche bis unstete Leben Holidays ist im Rekurs nicht ohne ihre Drogensüchte sowie ihre jahrelangen Konflikte mit der amerikanischen Justiz und diversen staatlichen Behörden zu verstehen, ehe sie 1959 kraft- und mittellos in einem New Yorker Krankenhaus mit gerade einmal 44 Jahren verstarb.
Die Serie persönlich prägender Niederlagen und besonders herausfordernder Lebensumstände hatte bereits in ihrer Kindheit begonnen. So musste die 1915 in Philadelphia in desaströse Familienverhältnisse hineingeborene Eleonora Fagan (andere Quellen nennen Elionora Harris als Geburtsname) ein alles andere als normales Aufwachsen mehr erleiden als erleben, was Lee Daniels in rot-grün dominierten und lose arrangierten Rückblenden episodenweise erzählt.
Im Wechselspiel mit schwarz-weißen Sequenzen zeigt er darin ein weitgehend sich selbst überlassenes kleines Mädchen, das Botengänge in einem Bordell in Harlem erledigt und von seiner Mutter, die sich als Prostituierte für weiße Amerikaner verdingt, alsbald zur Sexarbeit gezwungen wird. 1926 wird sie von einem Nachbarn vergewaltigt und bei Razzien vernommen, ehe sie das erste (und nicht letzte) Mal im Gefängnis landet, was in Daniels’ dramaturgisch reichlich sprunghaft angelegtem Porträt breiten Erzählraum einnimmt, das auch visuell explizite Nackt- oder Sexszenen, ob hinter Gittern oder im Liebestaumel Holidays mit einem ihrer drei Ehemänner, keinesfalls ausspart.
Andra Day liefert eine sehens- und hörenswerte Darbietung ab
Trotzdem ist in toto jede Szene auf Daniels’ gleichsam beeindruckende wie souverän agierende Hauptdarstellerin Andra Day ausgelegt. Der sehens- und hörenswerten Darbietung der Schauspieldebütantin ist es letztlich zu verdanken, dass man die mehrheitlich zu lang geratenen Szenen zwischen musikalischen Aufstiegs- und persönlichen Unglücksgeschichten doch einigermaßen gespannt verfolgt. Völlig zu Recht wurde sie für diese Rolle für den „Oscar“ in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ nominiert und bereits mit einem „Golden Globe“ prämiert.
Sowohl die zeithistorisch brisante Ära der aufkeimenden Bürgerrechtsbewegung, die ihre Wogen bis zur gegenwärtigen „Black Lives Matter“-Debatte schlägt, wie der solitäre Status Holidays als Hoffnungsträgerin junger schwarzer Amerikanerinnen werden in Daniels’ unausgegorener Regie indes lediglich gestreift. Weder in der bruchstückhaften Narration des Drehbuchs von Suzan-Lori Parks noch in den optisch zwar aufwendig inszenierten, aber dennoch seltsam steril wirkenden Settings gelingt Lee Daniels mit „The United States vs. Billie Holiday“ ein in der Summe wirklich überzeugendes oder innovatives Biopic.











