Vorstellungen
Filmkritik
Als "Die Sünderin" im vergangenen Herbst ins Atelier ging, äußerte die Katholische Filmkommission für Deutschland in einem achtseitigen Gutachten zu dem Drehbuch von Menzel-Forst die Befürchtung, daß diese Selbstbiographie einer Dirne starken Widerspruch gesund denkender Bevölkerungskreise herausfordern müsse. Inzwischen ist aus der Presse bekannt geworden, wie berechtigt unsere Befürchtung war. Zwar hat Forst eine blasphemische Christus-Szene nicht realisiert, aber der Arbeitsausschuß der Selbstkontrolle" fand bei der Prüfung des fertigen Films, wenige Tage vor seiner Massen-Uraufführung, hinreichende Gründe, bestimmte Schnitte zu fordern, ohne die der Film zur öffentlichen Vorführung nicht freigegeben werden könne. Damit sah sich der Herzog-Verleih einer schwierigen Lage gegenüber; er hätte umdisponieren müssen, es drohten wirtschaftliche Nachteile. Er berief sich auf einen angeblichen Vertrag mit Forst, der jeden Schnitt unmöglich mache, und verließ sich im übrigen auf die zweite Instanz der "Selbstkontrolle", den Hauptausschuß. Dieser gab den Film mit Stimmenmehrheit ohne Kürzung frei. (Wenige Stunden später lief der Film in Frankfurt an.) Die Kirchen sahen nunmehr als erwiesen an, daß die schon häufiger kritisierte "Selbstkontrolle" mit ihren, gegenwärtigen Arbeitsformen nicht in der Lage ist, in wesentlichen Fällen unbeeinflußt zu entscheiden. Sie stellten im Einverständnis mit Bischof Lilje und Erzbischof Berning ihre Mitarbeit in der "Selbstkontrolle" einstweilen ein. Inzwischen haben Verhandlungen begonnen, über die später zu berichten sein wird.
Wenden wir uns der Story des umstrittenen Films zu! Erb- und Milieueinflüsse (Kriegszeit) treiben die kleine Marina (Hildegard Knef) auf den Weg ihrer leichtfertigen Mutter. Als Vierzehnjährige wird sie von ihrem halbwüchsigen Stiefbruder verführt. Aus der Befriedigung sexueller Neugier entwickelt sich ein Verhältnis, wobei die junge Marina den ersten Triumph fraulicher Beherrschung des Mannes und klingenden Lohn erfährt. Vom Vater des Hauses verwiesen, lebt sie mehrere Jahre in verschiedenen Städten von den Erträgnissen der Prostitution und führt ein luxuriöses Dasein. Dann begegnet ihr in einem Münchener Nachtlokal der kranke Maler Kleß (Gustav Fröhlich). Er wird die "große Liebe" ihres Lebens. Sie wohnen und reisen zusammen. Mehrfach geraten sie in finanzielle Schwierigkeiten; Marina behebt sie durch Rückkehr zu ihrem einstigen Beruf (- "ein kurzer Schritt durch den Dreck"). Die Erblindung des Malers beendet ihr Glück. Der Tod scheint Marina die einzige Lösung: sie vergiftet den Geliebten, hält Rückschau auf ihr Leben und greift dann selbst zu den Veronaltabletten.
Es soll nicht bestritten werden, daß Forst seinen Film stellenweise mit künstlerischen Mitteln zu Höhepunkten führt, die dem Sehenden eine schreckhafte Analyse des modernen Menschen ermöglichen. Die Erschütterung der echten Tragödie aber bleibt aus. Den technischen und optischen Feinheiten dieser Bilddichtung stehen nicht nur platteste Entgleisungen (wie die Astloch-Szene) gegenüber, schwerer wiegen psychologische Verkürzungen. Wo in aller Welt gibt es durch die Liebe geläuterte Frauen, die ohne ernsthaften inneren Konflikt - darauf scheint es uns anzukommen! - die sexuelle Hingabe gegen Geld als nächsten (!) Rettungsweg für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Geliebten beschreiten? Wer will uns glauben machen, daß eine Dirne in wenigen Stunden die zur Operation erforderlichen 4000 DM "erarbeiten" kann? Es mag sein, daß wir uns auf diesem Gebiet weniger gut auskennen - aber selbst wenn es so wäre, daß Marinas kümmerliche Intelligenz psychologisch folgerichtigen Kurzschlüssen erliegt, bleibt die Frage nach der sittlichen Verantwortung des Films bestehen. Wir sehen diese Gefahr - wie in fast allen, Dirnenfilmen - in einer gewissen Romantisierung der Prostitution, die hier darin besteht, daß es offenbar wenig Mühe und noch weniger Gewissensqual bedeutet, das Portemonnaie mit "einem kurzen Schritt durch den Dreck" zu füllen. - Es gibt Kritiker, die das eigentliche Scandalum der "Sünderin" nicht im Was des Sujets, sondern im Wie der Regie sehen. "Was das Motiv in der `Sünderin` anrüchig macht, ist das Wie. Diese widerwärtige romantische Verbrämung mit sogenannter Kunst und mit ästhetischem Getue... dies macht das grauenhafte `Opfer`... anstößig und verderbt" (Frankfurter Allgemeine). Wir möchten dem zustimmen und zögern nicht, eine gleiche Gefahr in dem hübsch ästhetisch fotografierten Doppelselbstmord gegeben zu sehen, wobei uns die "barmherzige" Tötung auf Verlangen besonders verhängnisvoll zu sein scheint. Versteckte Tendenzen dieser und anderer Art bestimmen uns zu dem Appell an alle Christen, diesem Film jede Unterstützung durch den Kauf einer Kinokarte zu verweigern.


